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KI und Sicherheitslücken: mehr Funde, schnellere Angriffe – und was wirklich zählt

Oktober 6, 2026 • Florian De Felice •
Lesedauer: 4 Minuten
Eine Lupe mit einem kleinen Funkensymbol gleitet über Codezeilen und markiert dabei viele Stellen mit Warnpunkten.
Künstliche Intelligenz ist in der IT-Sicherheit auf beiden Seiten angekommen: bei denen, die Sicherheitslücken suchen, und bei denen, die sie ausnutzen. Die Zahlen für 2026 zeigen, wie stark sich das bereits auswirkt. Gleichzeitig lohnt ein genauer Blick, denn nicht jede Prognose hält, was die Schlagzeile verspricht – und mehr Lücken bedeuten nicht automatisch mehr Notfälle.

KI findet mehr Lücken als je zuvor

Weltweit erschienen 2025 insgesamt 48.185 neue Einträge in der zentralen Schwachstellenliste CVE, ein Plus von 20,6 % gegenüber 2024 mit 39.962. Für 2026 sagte das FIRST-Konsortium, das diese Entwicklung jedes Jahr prognostiziert, im Februar 59.427 Lücken voraus (Median). Bereits im Juni korrigierte FIRST die Zahl auf rund 66.000, denn der tatsächliche Verlauf lag zu diesem Zeitpunkt 46,3 % über der ursprünglichen Prognose.
Säulendiagramm: veröffentlichte Sicherheitslücken (CVEs) weltweit. 2024: 39.962, 2025: 48.185, 2026 laut FIRST-Prognose rund 66.000, nachdem die Februar-Prognose noch 59.427 lautete.
Veröffentlichte Sicherheitslücken (CVEs) weltweit, alle Software-Produkte. 2024 und 2025: Auswertung von Jerry Gamblin. 2026: Prognose des FIRST-Konsortiums vom Juni 2026, gestrichelt die Prognose vom Februar 2026.
Als Treiber nennt FIRST vor allem KI-Werkzeuge, die selbstständig nach Softwarefehlern suchen. Ein Beispiel: Bei Mozilla stiegen die Meldungen im ersten Quartal um 164 %, laut FIRST „directly attributable to Anthropic’s Project Glasswing“, einem KI-Projekt zur Fehlersuche. Daraus ergibt sich nach Einschätzung von FIRST eine neue Engstelle: KI findet mehr Fehler, als Menschen prüfen, abstimmen und beheben können.

Prognosen mit großer Unsicherheit

Wie belastbar sind diese Zahlen? FIRST selbst ist hier bemerkenswert offen. Schon die Februar-Prognose nannte für 2026 eine Spanne von 30.012 bis 117.673 Lücken, und die Autoren schreiben dazu: „A single point estimate is almost useless for planning.“ Hinzu kommt, dass FIRST im Juni nur den Wert für 2026 aktualisiert hat. Für 2027 und 2028 stehen weiterhin die Februar-Werte von 51.018 und 53.289 im Raum, die damit sogar unter der neuen Zahl für 2026 liegen. Einen verlässlichen Ausblick auf die kommenden Jahre gibt es deshalb nicht – wohl aber eine klare Richtung.

Angreifer werden schneller

Auch auf der Angriffsseite zeigt KI Wirkung. Der Incident-Response-Bericht 2026 von Unit 42, der Sicherheitsforschung von Palo Alto Networks, wertet über 750 schwere Vorfälle aus. In den schnellsten Fällen brauchten Angreifer nur 72 Minuten vom ersten Zugriff bis zum Datenabfluss, viermal schneller als im Vorjahr. Dabei setzen sie KI laut Bericht für Aufklärung, Phishing, Skripte und die eigentliche Ausführung ein.
Für WordPress beschreibt Patchstack in seinem Jahresbericht, dass Angreifer zunehmend mit KI ausgestattet sind, die Lücken eigenständig finden und ausnutzen kann – betont aber zugleich: „The same tools are also available to the defending side.“ Außerdem verzeichnet Patchstack deutlich mehr unbrauchbare, KI-erzeugte Meldungen, die Sicherheitsteams zusätzlich belasten. FIRST rechnet deshalb mit einem Wettlauf: auf der einen Seite KI, die Angriffe schneller entwickelt, auf der anderen KI, die Sicherheitsupdates schneller hervorbringt.
	Zwei Pfeile im Wettlauf auf ein Schild zu: ein dunkler Pfeil für den Angriff, ein grüner Pfeil für das Sicherheitsupdate, der knapp vorne liegt.
In Deutschland zählt das BSI in seinem Lagebericht 2025 durchschnittlich 119 neue Schwachstellen pro Tag, rund 24 % mehr als im Berichtszeitraum davor – laut BSI nur teilweise wegen einer veränderten Meldepraxis. BSI-Präsidentin Claudia Plattner sprach im Juni von einer „neuen Zeitrechnung der Cybersicherheit“; die kommenden Jahre würden „sehr holprig und unruhig“ werden. Ihr Fazit: „Wir stehen mit KI am Anfang dessen, was da in den nächsten Jahren auf uns zukommen wird.“

Mehr Lücken heißt nicht automatisch mehr Notfälle

So eindrucksvoll die Gesamtzahlen sind, FIRST liefert selbst die wichtigste Einordnung. Zählt man über alle Software-Produkte hinweg nur die Lücken, die nachweislich ausgenutzt werden (CISA-KEV-Katalog) oder eine erhöhte Ausnutzungswahrscheinlichkeit haben (EPSS-Wert über 10 %), dann gilt: „the actionable patching burden remains completely flat“. Die eigentliche Aufgabe besteht also darin, aus der Masse die wirklich dringenden Lücken herauszufiltern.
Für Websites ist das allerdings keine Entwarnung. Bei WordPress ist laut Patchstack gerade der gut ausnutzbare Teil 2025 um 113 % gewachsen. Zudem zeigt Unit 42, worauf es im Ernstfall ankommt: In über 90 % der untersuchten Vorfälle haben Fehlkonfigurationen oder Lücken im Schutz den Angriff maßgeblich ermöglicht.

Was das für Sie bedeutet

  • Dringende Updates zuerst: Entscheidend ist nicht die Gesamtzahl der Lücken, sondern wie schnell Sie die kritischen und bereits ausgenutzten schließen.
  • Schwachstellen im Blick behalten: Ein laufendes Monitoring meldet neue Lücken in Ihrem System, bevor sie zum Problem werden.
  • Angriffsfläche klein halten: Da Fehlkonfigurationen so oft den Ausschlag geben, lohnt sich ein regelmäßiger Blick auf Einstellungen, Zugänge und nicht benötigte Erweiterungen.
  • Den Wettlauf ernst nehmen: KI beschleunigt Angreifer und Verteidiger gleichermaßen – im Vorteil ist, wer Updates schneller einspielt, als andere Lücken ausnutzen.

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